Ein blind-date!?

Nur noch ein kurzer Blick ins Wohnzimmer. Die Blumen noch etwas zurechtgerückt, die Weingläser prüfend gegen das Licht gehalten. Ja, jetzt stimmt es. Alles ist zu seinem Empfang bereitet. Nur du – du stehst noch unschlüssig vor deinem Kleiderschrank. Was ziehe ich heute nur an? Das lange Schwarze – ist vielleicht doch zu dick aufgetragen? Oder doch lieber den hellen Hosenanzug? Und welchen Schmuck? Vielleicht sollte es doch lieber dezent sein. Das schlichte silberne Halsband! Ohrhänger – ach nein, doch nicht. Du streichst dir über das Haar. Ein paar Tupfer Parfüm noch. Ja, so kann ich bei ihm ankommen, so will ich ihn empfangen!

Advent – Ankunft – Ankommen

Wie komme ich bei ihm an oder wie soll ich ihn empfangen? In dieser Kombination klingt es schon mal in den Ohren. Wie soll ich dich empfangen? Ein Adventslied – er kommt und ich will ihn empfangen! Wie mag ich ihm begegnen, dass er bei mir ankommt?

Gott, der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde will zu uns kommen. Das ist gewiss keine kleine Sache. Aber. Wie empfängt man Gott? – Wie bereitet man sein Leben so vor, dass Gott gerne zu uns kommt und wir damit dann wirklich frohe Weihnachten, Frieden und Erfüllung unseres Lebens erfahren?

Trotz aller vielfältigen und umtriebigen Festvorbereitung, wie wir sie in den Adventswochen überall erleben – eigentlich wissen wir gerade das ja nicht.

Ebenso wenig übrigens, wie Paul Gerhardt, dem Verfasser dieses Liedes. Und weil er das nicht weiß fragt er zunächst und bittet dann Jesus selber: Setz mir die Fackel bei! Du sollst mir ein Licht aufgehen lassen, damit ich erfahre, was dich freut.

Und weil Paul Gerhardt ein guter Christ ist, schaut er erst mal in der Bibel nach: Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin. Ja, so meinten die Menschen damals in Jerusalem, den Sohn Davids empfangen zu müssen.

Aber das genügt unserem Liederdichter nicht. Er weiß sehr wohl: Äußerlichkeiten, Palmen und grüne Zweige hinderten die Menschen nicht daran, bald darauf: „Kreuziget ihn“ zu rufen. Ebenso wenig, wie alle öffentliche Advents – und Weihnachtsdekoration den Frieden bringt, den Gott uns verheißen hat. Liegt etwa die oft beobachtete Unlust an Weihnachten, die manche Menschen sogar zur Flucht vor Weihnachten treibt nicht daran, dass wir großen zeitlichen und finanziellen Aufwand für Äußerlichkeiten betreiben, unser Herz aber dürr und leer bleibt? Unser Liederdichter will Jesus wirklich empfangen: Mein Herze soll dir grünen, singen will er aus vollem Herzen und seinem Namen dienen, so gut er kann und weiß. Folgen wir ihm!

In den nächsten Versen (3-5) erinnert sich der Dichter an all das, was Jesus für ihn getan hat. Er bedenkt sein eigenes Leben, wie Christus ihm immer wieder zu Leben verholfen hat. Wir müssen das für unser eigenes Leben er – innern. Als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid. Wann war das bei uns?

Wie oft sagt man: Ach, das hat ja doch alles keinen Sinn! – Nehmen wir uns da Paul Gerhardt zum Vorbild, dem 3 seiner vier Kinder gestorben sind, und mit ihm sagen:

Da bist du, mein Heil kommen und hast mich froh gemacht.

Wir brauchen uns nur zu fragen: Warum lebe ich trotz allem heute noch gerne? – Und schon fallen einem ungeheuer viele Gelegenheiten ein, wo er, mein Heil gekommen ist und mich froh gemacht hat.

Warum tut er das? – Was hat Gott, der Allmächtige davon? Die richtige Antwort darauf lautet: Nichts. Er hat nichts davon. Nichts, nichts hat dich getrieben vom hohen Himmelszelt, als das geliebte Lieben. Der Verfasser weiß, wie unsere Welt aussieht. Tausend Plagen, Jammerlast, die kein Mensch kann aussagen. Wer wie er, den 30 – jährigen Krieg ganz durchgemacht hat, hat davon wahrhaftig genug gesehen. Aber wir kennen das ja auch. Wir brauchen nur Zeitung zu lesen oder fern zu sehen oder im Internet surfen. Aller Jammer der Welt wird uns da per Bild und Ton frei Haus geliefert. Und den Jammer, der dort nicht erscheint, den erleben wir persönlich in unserer kleinen Welt. Leben, ganz viel Jammer und Mühe!

Gott aber vermeidet die Mühe nicht. Er liebt das Leben, das er geschaffen hat und scheut keine Mühe, kein Risiko dieses Leben, unser aller Leben, immer wieder mit Sinn zu erfüllen.

Das schreib dir in dein Herze. Wir sollen uns also ins Herze schreiben, was Jesus für uns getan hat. Wie schreibt man etwas in sein Herz? Der Vorschlag in unserem Lied ist überraschend aber einleuchtend: Ihr sollt euch nicht betrüben noch sorgen Tag und Nacht. Wer Paul Gerhardt kennt, den überrascht das nicht. Sagt er doch in dem Lied „Befiehl du deine Wege“: Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.

Und wenn wir bei Jesus nachschauen, dann sagt er uns folgendes: Darum sorget nicht, was werden wir essen, was werden wir trinken usw. … Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, so wird euch das alles zufallen.

Dort, wo es darum geht, was wir tun müssen, damit der Herr zu uns kommt steht: Nicht bemühen, nicht Sorgen, nicht erschrecken. Ja, das Joch Christi ist sanft und seine Last ist leicht. Wohl gerade deshalb fällt es uns so schwer, sein Joch auf uns zu nehmen. Wenn man sich all diese vorweihnachtliche Hektik, all das Gerenne unter den Klängen des Liedes „Stille Nacht, heilige Nacht“ so anschaut, dann kommt man nicht um den Schluss herum: Sich um das Heil zu sorgen, sich darum zu bemühen, darauf können und wollen die Menschen nicht verzichten.

So soll ich nun den Herrn der Welt empfangen – ohne Druck, ohne Last, ohne Sorge, ohne Angst. Egal wie das blind-date aussieht, er ist mir mehr als nur wohlgesonnen – ihm ist egal, wie ich ausseh, egal was ich gemacht habe – er ist letztlich der Einladende und freut sich auf die Begegnung mit mir!

Matthias Gebhardt