Geschichte Tansanias und Geschichte der Kolonialherrschaft

EXKURS:
Glaubt man der Evolutionstheorie, dann beginnt die für uns Menschen wichtige Geschichte Tansanias sehr früh: Die Wissenschaftler auf diesem Gebiet sind sich einig: das ostafrikanische Rift Valley sei die Wiege der Menschheit. Knochenfunde zwischen dem Ngorongoro-Hochland und der Serengeti scheinen dies zu bewiesen. Lassen wir es so dahingestellt.

Vorkoloniale Geschichte Tansanias
Die frühe Geschichte Tansanias ist von Völkerwanderungen bestimmt und sehr schlecht nachkonstruierbar. Im Allgemeinen wird folgendes angenommen:
•    Das Gebiet des heutigen Tansanias wurde lange Zeit von Khoisanden, einem Gesellschaft von Jägern und Sammlern, bewohnt.
•    Ab 2000 v. Chr., bis ca. 1000 n. Chr. fand eine Zuwanderung von Völkern aus dem heutigen Jemen und dem Horn von Afrika statt. Man vermutet, dass das Volk der Iraqw (Mbulu-Hochland) aus ihnen entstand.
•    Um ca. 1000 v. Chr. hatten sich um den Viktoriasee aus dem Westen Afrikas kommende Bantu-Volksgruppengesiedelt, später auch an der Ostküste.
•    Vor ca. 500 Jahren kamen die ersten (nomadisch lebenden) Volksgruppen aus dem Norden Afrikas in das heutige Staatsgebiet Tansanias – heute als Maasai und Barabaig bekannt.
•    Die letzte große Zuwanderungsgruppe kam 1850 und waren die Ngoni, die eine Splittergruppe der aus dem Süden Afrikas stammenden Zulu sind. Sie siedelten im Süden Tansanias.
Die verschiedenen zugewanderten Kulturen brachten Ackerbau- und Viehzuchttechniken mit. Sie vermehrten und vermischten sich und drängten die Khoisanden zunehmend an den Rand. Letzte Minoritäten leben im nördlichen Zentraltansania.

Die an der Küste lebenden Bantugruppen wurden durch Seehandel schon früh durch fremde Kulturen beeinflusst. Vor allem die Araber und die Perser spielten ab dem 8. Jahrhundert eine große Rolle. Durch Niederlassungen an der Küste brachten sie neben Städten und Siedlungen den Islam und Einflüsse ihrer Sprache.
Die Araber waren vor allem am Sklavenhandel und den Rohstoffen (Gold, Edelsteine) interessiert. Sie gerieten mit der Zeit in eine finanzielle Abhängigkeit von reichen indischen Geschäftsleuten, die sich an der Küste und auf Sansibar niederließen und mit Geld den Menschenhandel unterstützten. So kamen die Engländer ins Spiel: Sie übten Druck auf die indischen Geldgeber aus, die sich, da Indien britische Kolonie war und sie so der englischen Krone verpflichtet waren, langsam aus dem Sklavenhandel zurückzogen. Dieser wurde schließlich 1873 durch die Engländer aufgehoben – zumindest theoretisch.

„Deutsch-Ostafrika“
1884 bedeutete einen entscheidenden Wendepunkt für Ostafrika. Die treibende Kraft dafür war Dr. Carl Peters, der den Verein „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ gründete. Ohne Rückhalt und Unterstützung der verantwortlichen (Auswärtiges Amt, Reichskanzler) reiste er schließlich nach Sansibar, drang von dort ins Hinterland vor und schloss mit einer Reihe von lokalen Herrschern dubiose Freundschafts- und Schutzverträge ab. Völlig ahnungslos über die rechtlichen Folgen traten die verschiedenen Herrscher der „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ die Rechte ab, die nach europäischer Interpretation die Landeshoheit ausmachten. Mit leeren Versprechungen wie dem Rückgang des Sklavenhandels wurde die deutsche Flagge gehisst. Peters nannte seinen Verein – inzwischen mit vollster Unterstützung des deutschen Reiches – „Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft“. Er forderte Generäle und Kriegsschiffe zur Machtdemonstration an, die Araber und Inder konnten dem nichts mehr entgegnen und akzeptierten notgedrungen die deutsche „Schutzherrschaft“. Zur Festsetzung der Grenzen im Osten trafen sich Franzosen, Engländer und Deutsche, im Süden und Norden veranlasste Peters weitere Gebietserwerbungen. In der Einigungen mit England und den Portugiesen und unter ziemlich viel Gewalt und Enteignung wurden Grenzen festgelegt (die heute noch da sind wie z.B.: Tansania zu Kenia). So stellten schließlich ab 1890 die heutigen Staatsgebiete Tansania, Ruanda und Burundi „Deutsch-Ostafrika“dar.
Während dem ersten Weltkrieg wurde auch Ostafrika zum Kriegsschauplatz. Die deutsche Kolonie wurde von allen Seiten bedrängt, der Krieg dauerte sogar noch ein paar Wochen länger, als in Europa. Schließlich gaben die letzten deutschen Offiziere und Askaris (afrikanische Krieger, die einen Großteil der Schutztruppe ausmachten) unter dem Oberbefehl von Lettow-Vorbeck auf. Der zähe Kampf unter Lettow-Vorbeck ist noch heut im Bewusstsein Tansanias verankert, wenn auch sehr heroisch verklärt. Die Verwüstungen, die der europäische Krieg auf dem afrikanischen Boden hinterlassen hatte, waren enorm. Über 100.000 Menschen – vorwiegend Afrikaner – bezahlte ihn mit ihrem Leben.
Spuren der deutschen Kolonialherrschaft blieben – Gebäude, Bahnstrecken, technische Einrichtungen. Vielerorts fehlt aber das Geld, sie zu erhalten bzw. zu restaurieren.
Dass die Kolonialherrschaft der Deutschen bis heute vielerorts verklärt ist, liegt zum einen daran, dass diese Zeit aus dem tansanischen Lehrplan gestrichen wurde – Julius Nyerere sah sie nicht als Teil der tansanischen Geschichte an. Zum anderen sind für viele Menschen die Briten, die danach kamen, die „Bösen“ und die Deutschen die „Guten“.

Herrschaft der Briten
Nach Kriegsende wurden alle deutschen Besitztümer enteignet – Großbritannien wurde das heutige Staatsgebiet Tansanias zugeteilt. Es hieß fortan Tanganyika-Territory. Die Engländer etablisierten das System der Indirect Rule → ein Teil der politischen Selbstbestimmung wurde regionalen chiefs übertragen, die sich aber an die Vorgaben der Mandatsverwaltung in Dar es Salaam zu halten hatten. Dies sollte dazu beitragen, kulturelle Eigenheiten und soziale Strukturen der Bevölkerung zu erhalten, um eine Eigenständigkeit der afrikanischen Bevölkerung zu gewährleisten und damit eine Auflehnung gegen die Fremdherrschaft zu verhindern.

Der Weg in die Unabhängigkeit
Gleichzeitig bauten die Briten das Bildungssystem aus. Dies führte mit den Jahren zu einer politisch gebildeten Schicht von Afrikanern, die nach modernen politischen Prinzipien verlangte. 1929 formiert sich die Tanganyika Africa Association (NAA), eine Vereinigung von Intellektuellen, aus der Julius Nyerere in den 50er Jahren schließlich eine politische Organisation (TANU) formte. Sie forderte nationale Selbstständigkeit und politische Selbstbestimmung für Tanganyika – zunächst leise und friedlich, mit einem geeinten Volk (das eine gemeinsame Sprache spricht – das Swahili).
Von der UN wurde ein Dekolonialisierungsplan vorgelegt, der mit einer vorgeschlagenen Zeitspanne von 25 Jahren Nyerere viel zu langwierig war. Seine Partei wurde jedoch offiziell anerkannt und so gewann er nach einer Ansprache vor der UN 1956 als Führerpersönlichkeit große Sympathien. Nach einer Wahl des Legistivrates 1960 wurde klar, dass Nyerere und seine Partei das ganze Land hinter sich hatten. Die Briten, die ohnehin keinen wirtschaftlichen Nutzen in ihrem Mandatgebiet mehr sahen, leisteten gegen die Unabhängigkeitsbewegung keinen Widerstand und entließenTanganyika 1961 schließlich in die UnabhängigkeitNyerere wurde zum Staatspräsidenten gewählt. Nachdem es auf Sansibar nach dessen Unabhängigkeit 1963 zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Völkergruppen kam, drängte Nyerere zu einem Bund mit dem Festland. 1964 wurde die United Republik of Tanzania gegründet. DerKunstname entstand aus Tanganyika, Zansibar und Azania.

Carolin Alber